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WARUM DAS AUßEN VON INNEN KOMMT UND WIE DIE KINDER DEINE LEHRMEISTER WERDEN

by nico

Jetzt geht es also los mit den Inhalten! Mit Hand und Fuß. Genug über die Beweggründe geredet, jetzt folgen Taten! Ganz konkrete Materialien und Umsetzungsmöglichkeiten! Im siebten Beitrag wird es um ein Medienkonzept für dich, deine Schüler und deine Schule gehen. Aber vor diesem ersten Beitrag zum Thema #backgroundmedienerziehung gibt es den Startschuss im Themenfeld #mindfullife. Konkret geht es heute um mein Bild vom Verhältnis zwischen Lehrern und Kindern, weil es die Grundlage für meine Herangehensweisen und unterrichtlichen Umsetzungen bildet. Denn genau so wie dein Denken dein Handeln bestimmt, zeigt umgekehrt dein Handeln dein Denken. Oder mit anderen Worten: Dein Innen inspiriert das Außen.  Aber Schritt für Schritt…

 

Die Kinder, mit denen wir arbeiten, sind vielleicht nicht immer so, wie wir uns das vorstellen. Und lange Zeit war ich der Meinung, dass es meine Aufgabe sei, die Schüler dort abzuholen, wo sie stehen, sie ab da auf dem weiteren Weg zu unterstützen und so zu formen, dass sie in ihrem Leben für sich und mit ihren Mitmenschen ihren Weg finden.

Im Großen und Ganzen ist das auch immer noch mein Bild von meinem Beruf. Nur mit dem kleinen Unterschied, dass ich das Wort “formen” so heute nicht mehr verwenden würde. Dafür schwingt mir darin zu sehr ein Anpassen mit, ein Hineinzwingen in eine Form, die derjenige vielleicht gar nicht so will. Es würde voraussetzen, dass es nur ein Richtig gibt. Also viel zu sehr indoktrinierend, zu sehr von außen übergestülpt und zu weit weg von “Funken legen”. 

 

 

Viel passender finde ich daher den Vergleich mit einem Baum. Dass das Kind eine Pflanze ist, dessen Erde ich mit Erkenntnissen und Wissen gieße. Oder der Vergleich mit einem Schwamm, der sich ausdehnen möchte. Kinder, die die Welt um sich herum aufsaugen möchten, die neugierig sind, die lernfreudig Erfahrungen und Wissen sammeln. 

 

Mit diesen Vergleichen geht aber auch ein Perspektivenwechsel einher. “Formen” bedeutet letztlich ein Ändern des Innen von Außen. Mit dem Vorgeben von Regeln beispielsweise. Viel wertvoller ist aber doch ein Ändern von Innen. Mit dem Verstehen von Regeln beispielsweise. 

 

 

Das bedeutet für uns, die Kinder kennenzulernen, neugierig zu bleiben, sie zu entdecken und in Kontakt mit diesen kleinen Menschen zu kommen. In eine Beziehung zu kommen. Wir müssen die Kinder nicht zu etwas machen, weil sie etwa nicht perfekt auf die Welt gekommen sind! Wir müssen auch nicht ständig Defizite ausmerzen! Aber wir sollten alle Kinder so annehmen, wie sie sind. Das mag einem manchmal nicht gefallen, wie so manches Kind ist. Aber ich bin der Meinung, dass in jedem Kind kann etwas grundgelegt werden kann. Bei manchen Kindern erreiche ich vielleicht sehr viel und bei anderen wiederum scheinbar nur wenig. Vielleicht sehe ich auch nicht jeden Funken zünden, den ich möglicherweise gelegt habe, aber entscheidend ist doch die Einstellung. Und dass ich nicht, nur weil ich länger auf der Erde bin, das Recht habe, das Kind da in irgendeiner Form in seiner Integrität anzugreifen – respektive: es nach meinen Wünschen zu formen. 

 

Ich liebe es, Kindern den Raum zum Entdecken zu geben, um Erfahrungen zu sammeln und sich dadurch selber zu erfahren. Damit sie sich selbst von Innen heraus entwickeln.

 

Und dazu gehört im nächsten Schritt eine gehörige Portion Achtsamkeit in und mit mir selbst. Denn wenn ich das Innere der Kinder nicht mehr von Außen formen will, sondern aus meinem eigenen Inneren inspirieren möchte, heißt das letztlich, dass ich mit meinem Inneren das Außen forme. 

 

Innen – Außen, Außen – Innen, wie bitte? Was ich damit meine, ist, dass ich lieber in mir selbst ansetze, indem ich meine eigenen Werte und Motivationen immer wieder reflektierte und hinterfrage und mich bemühe, ein Lernender zu bleiben – quasi immer selbst auch dieser Schwamm zu bleiben. Dadurch tritt man mit dem Kind in eine Beziehung, die sich in ihrer Art vielleicht von der bisherigen Weise unterscheidet.

Um zum Beispiel mit den Regeln zurückzukommen: Natürlich muss ich den Kindern Grenzen setzen. Aber viel nachhaltiger ist es, diese in einer Beziehung zu erarbeiten. Nicht einfach die Grenzen vorzusetzen oder zu sagen, bis hierher und nicht weiter. Sondern zu erforschen, was geht und was nicht geht. Eine Grenze ist nichts anderes, als Verantwortung zu übernehmen, und zwar für mich selbst. Ein Zugeständnis an das Kind mit seinen eigenen persönlichen Grenzen und Verantwortungen. Da macht ein Gegeneinander keinen Sinn. Schließlich will dir das Kind nicht irgendwas Böses, das Kind macht nicht etwas, um dich zu ärgern oder um dir auf der Nase herumzutanzen. Das sind einfach ganz normale Entwicklungsschritte im Leben eines Kindes zur Selbstfindung und zum Selbstwerden. 

 

Diese Entwicklungsschritte zulassen, wenn man das Kind nicht einfach nur nach seinen Wünschen und Vorstellungen formen oder gestalten oder anpassen will, das ist die Herausforderung. 

 

 

Aber es lohnt sich, die Herausforderung anzunehmen! Ansonsten könnten wir uns Erwachsene auch einfach durch Druck und Angstmacherei durchsetzen. Oder erreichen, dass etwas kurzfristig funktioniert, weil wir es gerade so brauchen. Aber ich denke eher, dass du so wie ich ein längerfristiges Ziel verfolgst, dass das Kind dich auch in dreißig Jahren noch zu schätzen weiß und gerne mit dir redet. Denn Kinder merken, wenn du sie ernst nimmst, wenn dir ihre Belange ein Anliegen sind, wenn du dich für sie einsetzt. Wenn du genau hinhörst. Aber die Entscheidung, ob du diese Herausforderung annehmen willst, musst du für dich sowohl als Mutter, als Vater oder als Lehrer treffen.

Aber Vorsicht: Wenn du die Herausforderung annimmst, entwickelst du dich automatisch weiter. Wodurch sich wiederum ganz automatisch die Kinder weiterentwickeln. Wodurch du über die Beziehung zur Erziehung kommst. Wodurch Möglichkeiten für Freiheiten entstehen. 

 

Vielleicht sagst du jetzt, dass du das ohnehin schon immer so machst (dachte ich auch mal von mir) oder dass du als Lehrer in deiner oder einer anderen Klasse nicht ständig in jedes Kind reinhören willst, bevor du Grenzen definierst oder sogar der Meinung bist, dass man so die Kinder verzieht. Aber unser gesamtes erzieherisches Spektrum mit all seinen unterschiedlichen Methoden, Maßnahmen, Lob und Tadel, das die Kinder erfahren (müssen), lässt in ihnen oft das Gefühl entstehen, klein, schwach, hilflos, alleine zu sein – ergo: weniger wert zu sein als ein erwachsener Mensch. 

 

 

Dies führt in einem Kind unweigerlich zu einer Abspaltung von seinen eigenen Wünschen, Gefühlen und Bedürfnissen. Ein Kind wird das so natürlich nicht benennen können, aber es wird es sehr wohl spüren können: als Ablehnung. Es fühlt, dass es mit seinem Sein nicht richtig ist. Es lernt, dass seine Gefühle und Bedürfnisse keine Berechtigung haben. Jede Zurechtweisung vermittelt, dass es etwas falsch gemacht hat. 

Kinder kommen auf diese Weise schnell in die Rolle, dass sie Erwartungen gerecht werden müssen und den Anspruch erfüllen müssen, den die Lehrer und die Eltern an sie haben. Das Innere der Kinder wird dadurch nachhaltig geprägt. Denn so entsteht Druck, so wird Leistung wichtig. Leistung als Priorität Nummer Eins. Wenn man sich aber abhängig von dem macht, was man leistet, und sich darüber definiert, dann entsteht kein Selbstvertrauen.

 

Kennst du so etwas auch aus deiner persönlichen Geschichte? Kommt dir einer dieser Glaubenssätze bekannt vor: Ich bin nicht richtig, so wie ich bin. Ich muss Erwartungen entsprechen. Ich muss den Ansprüchen der anderen gerecht werden. Ich muss etwas mit Leistung ausgleichen. Ich bin nicht gut genug. Ja? Dann hast du auch schon Glaubenssätze verinnerlicht, deren Wurzeln in deiner eigenen Kindheit liegen. Prägungen, die tief verankert sind. Und das sind sie bei JEDEM von uns. 

 

Es ist nicht so leicht, etwas anderes weiterzugeben als das, was du selber so in deiner Entwicklung verinnerlicht hast. Aber du wirst dieses Problem NIE lösen, wenn du den “Fehler” bei deinem Gegenüber, in unserem Falle beim Kind suchst und versuchst, es zu ändern. Du kannst nichts im Außen verändern! Du kannst nicht beeinflussen, was andere machen, tun oder sagen. Das liegt nicht in deiner Macht. Es geht nur, wenn du bei dir selbst etwas veränderst und schaust, was dich berührt. Wenn du betrachtest, was das in dir macht, was da von außen an dich herangetragen wird, DANN kannst du wählen, wie du darauf reagierst. DANN beeinflusst deine Reaktion das Außen, dein Gegenüber oder wen auch immer.

 

Und an dieser Stelle kommt wieder deine Beziehung zu den Kindern ins Spiel. Sie spiegeln dich. All dein “Formen” oder dein Inspirieren geht nach hinten los, wenn dein Inneres nicht authentisch ist. Wenn du dich selbst nicht wertschätzt. Das klingt jetzt kitschig, aber wenn du davon ausgehst, dass dir die Kinder mit purer Liebe begegnen und zu dir kommen, dann erinnern sie dich daran, dass du diese Haltung in dir hast. Weil sie dich mit ihrem ganzen Sein spiegeln. Was für eine Feedback-Schleife! Wenn du mit dieser Liebe in dem Kind Kontakt aufnimmst, erkennst du auch diese Liebe in dir selbst wieder besser.

 

Da geht es auch um dein Menschenbild. Und auch das Menschenbild der Eltern. Leider kann man zu oft beobachten, dass deren Kinder irgendwo hin geschickt werden, weil mit ihnen irgendwas nicht in Ordnung ist. Scheinbar. Aber auch hier bräuchten eigentlich die Eltern die Unterstützung. Denn ein solches Handeln geht immer von ihnen, von ihrem Inneren aus. Auch sie tragen “nur” ihre Glaubenssätze und Prägungen aus der eigenen Kindheit mit sich.

 

 

Für jemanden, der das alles zum ersten Mal hört, ist das vielleicht alles noch nicht ganz nachvollziehbar. Aber wie du schon gemerkt hast, geht es viel um persönliche Weiterentwicklung, um Selbstreflexion und um eigene Grundeinstellungen. Zu all diesen Themen wird es auch noch weitere Artikel geben, in denen ich Näheres dazu schreibe. Aber du darfst mich auf dem Weg jederzeit gerne kontaktieren, sei es, weil du noch Fragen hast, weil du etwas ergänzen möchtest, oder weil du einfach Lust auf Veränderung in deinem Unterrichtsalltag hast, aber nicht weißt, wie du es angehen sollst: Schreib mir kurz eine Nachricht. Ich helfe dir gerne. 

Im Kern ging es mir heute um die Aussage, dass jeder seine Prägungen in sich trägt und diese mit dem Außen in Kontakt treten – auf Arten und Weisen, die durch die Prägungen bedingt sind. Aber ich hoffe, dass zumindest rübergekommen ist, dass deine Grundhaltung entscheidend ist. Deine Grundhaltung zu den Fragen: Wie lebt man in Beziehungen miteinander? Wie begegnet man einander, ohne in Hierarchien zu denken. Wie setzt man andere nicht mit Macht unter Druck? Wie behandle ich andere, weil man selber auch so behandelt werden möchte? 

 

Das ist ein ständiges Spüren, ein ständiges Beobachten, ein ständiges Hinhören. Das ist wichtiger als die Vorstellungen durchzusetzen, die du eventuell nur selbst übernommen hast. Dadurch spürst du nämlich in dich rein! Was das mit dir macht! Was das in dir auslöst! Und das ist das Wunderbare. Bleib einfach bei dir. Denn von deinem Innen kommt das Außen. Das Außen, das mit den Kindern interagiert. Kinder spiegeln sehr deutlich. Und das hilft dir dabei, genau hinzuhören, genauer hinzuschauen. Dadurch werden die Kinder dein Lehrmeister.

 

 

 

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Zum Weiterlesen und Vertiefen empfehle ich https://www.meingeliebteskind.com von Katharina Walter.